Kooperationen des DFKR mit Mittel- und Osteuropa

Konferenz "Die Bedingungen künstlerischen Schaffens in der erweiterten EU - Künstler zwischen Glanz und Elend, Gesellschaft und Staat" am 30.11.05 in Warschau


Der Deutsch-Französische Kulturrat sieht sich seit Jahren dem Gedanken des Weimarer Dreiecks verpflichtet. Über seinen ursprünglichen Auftrag hinaus, den deutsch-französischen Beziehungen wichtige Impulse zu verleihen, setzt er seine Bemühungen fort, unsere östlichen Nachbarn in Europa in die deutsch-französische Kulturkooperation einzubeziehen.

Mit der Konferenz, die am 30. November 2005 in Warschau stattfand, führt er seinen im Jahre 2003 begonnenen kulturpolitischen Dialog mit Künstlern, Kulturschaffenden und Politikern in Polen fort, der im Jahre 2005 auch auf Rumänien ausgeweitet wurde.

Deutsch – Französisch - Polnische Konferenz

              "Die Bedingungen künstlerischen Schaffens in der erweiterten EU - Künstler zwischen Glanz und Elend, Gesellschaft und Staat"

am 30. November 2005

im Institut Français Warschau (ul. Senatorska 38, 00-095 Warszawa)

Veranstalter

Deutsch-Französischer Kulturrat und Institut Français Warschau

Mit freundlicher Unterstützung von

Auswärtiges Amt Berlin, Deutsche Botschaft Warschau, Französische Botschaft Warschau, Goethe Institut Warschau, Centre for Contemporary Art Zamek Ujazdowski Warschau, DAAD Bonn/Warschau, Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Stiftung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit Saarbrücken, Deutsche Orchestervereinigung Berlin

Zusammenfassung

Kolloquium des Deutsch-Französischen Kulturrats über die Bedingungen künstlerischen Schaffens in der erweiterten EU

Am 30. November 2005 fand im Institut Français in Warschau ein Kolloquium über die Bedingungen künstlerischen Schaffens in der erweiterten EU statt. Die Veranstaltung, die vom Deutsch-Französischen Kulturrat initiiert, vom Auswärtigen Amt, der Stiftung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit in Saarbrücken, dem Institut Français und dem Goethe Institut in Warschau finanziert und von den Botschaften beider Länder in Warschau unterstützt wurde, ist ein Beispiel für die Realisierung des „Weimarer Dreiecks“ und kann als Fortsetzung großer kulturpolitischer Veranstaltungen in Berlin, Paris und Budapest gesehen werden.

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An diesem Kolloquium in Warschau nahmen rund 80 Teilnehmer, d.h. Künstler, Entscheidungsträger und Experten der drei Mitgliedsländer des „Weimarer Dreiecks“ teil. Eröffnet wurde das Treffen mit Grußworten der beiden Botschafter, Pierre Ménat und Reinhard Schweppe. Die Diskussionen fanden zu vier Themenkomplexen statt. Im Mittelpunkt der ersten Debatte stand der Kulturaustausch und die Mobilität der Künstler im Prozess der europäischen Integration. Die zweite Debatte informierte über Aspekte der öffentlichen und privaten Kulturförderung. Die Teilnehmer des dritten Panels diskutierten über die Verantwortung des Künstlers im Prozess des zusammenwachsenden Europas und abschließend beschäftigte man sich mit der spannenden Frage der Schutzbedürftigkeit des geistigen Eigentums.

Die Veranstalter hatten die ehemalige Ministerin Catherine Lalumière gebeten, eine Einführung in das Kolloquium zu geben. Sie  zeigte in einer historischen Perspektive auf, wie sehr die Anfänge der europäischen Konstruktion auf den Kernelementen der Kultur und der gesellschaftlichen Werte basierten, sowohl im Rahmen des Europarats als auch der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Ab 1957 schwächte jedoch das Diktat der Wirtschaft diese Dimension ab, was nach Ansicht von Frau Lalumière die Abneigung der Öffentlichkeit gegenüber der EU verstärkte. Während ein bestimmter Kreis von Künstlern sowohl im Osten wie im Westen vor und nach 1989 eine Schlüsselrolle spielte, hätten die meisten Künstler die politische Ebene verlassen. Catherine Lalumière schloss mit einem Appell an die Künstler, populistische und demagogische Abwege, die eine große Gefahr für den europäischen Prozess darstellen, zu vermeiden.

Die erste Debatte wurde von Bernard Faivre d’Arcier, dem ehemaligen Leiter des Festival d’Avignon und Beauftragten für das polnische Jahr in Frankreich „Nova Polska“, eingeleitet. Er forderte, dass der Kulturaustausch bestimmte Prinzipien beachte: die Anerkennung der kulturellen Vielfalt, ohne in eine oberflächliche Multikulturalität zu verfallen, die Mobilität als Alternative zur Globalisierung des Kulturmarktes und schließlich das Zurückgreifen auf die Profis im Kulturbetrieb, um die Durchlässigkeit zu gewährleisten.

Corina Suteu vom ECUMEST erläuterte die Notwendigkeit, in dem vom dominierenden angel-sächsischen Modell bedrohten Europa umzudenken, indem man die zahlreichen administrativen Hindernisse reduziere, regionale Projekte unterstütze  und  eine neue kulturelle Diplomatie, zum Beispiel mit der klaren Definition einer kulturellen Agenda, begründe. Heute sei nur die Liste der europäischen Kulturhauptstädte klar präzisiert, und dies bereits bis zum Jahr 2019...

Der Geschäftsführer der deutschen Orchestervereinigung, Gerald Mertens, eröffnete die zweite Debatte mit der Feststellung, dass die meisten Künstler und Kulturverantwortlichen  mit der  Zusammenführung öffentlicher und privater Mittel bei der Kulturförderung einverstanden seien, die Frage des „wie“ stehe jedoch weiterhin im Raum. Corina Suteu ergänzte, dass kaum einen Finanzierung gelingen könne, wenn die Bedeutung von „privat“ und „öffentlich“ nur im Westen Sinn mache. Die zentrale Frage sei die Intention der Sponsoren.

Alle Teilnehmer dieses Podiums waren sich einig, dass die zeitliche Dimension von Kultur und Wirtschaft nicht identisch sei, dass die private Förderung zu lange dauere, um Sinn zu machen, und dass der Staat weiterhin eine wichtige Rolle spielen müsse. Die Betonung lag auf dem Fehlen von geeigneten vertrauenswürdigen statistischen Indikatoren, welche die Entscheidungsträger schnell überzeugen könnten, in kulturelle Projekte zu investieren.

Der Direktor der Stiftung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit, Albrecht Lempp, plädierte schließlich für eine „Ameisenstrategie“, das heisst für die Einwerbung vieler kleiner Investitionen für die Durchführung spektakulärer Projekte.

Der Sprecher der Initiatorengruppe der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik „Europa eine Seele geben“, Volker Hassemer, zeigte in seinem Referat auf, wie sehr Europa sich selbst schade, wenn es die Kultur vernachlässige. Auf die Frage nach der Verantwortung von Künstlern im Prozess des Zusammenwachsens von Europa scheine sich eine Antwort abzuzeichnen. Man sei besorgt, aber nicht verantwortlich für das Gelingen. Die polnischen Teilnehmer, darunter auch der Dirigent Kai Bumann mit Wohnsitz in Warschau und Zürich, insistierten auf der Feststellung, dass Europas Zukunft im Osten liege. Der Theaterregisseur Jacques Lassalle betonte in seinem sehr persönlichen Beitrag, dass es für den Künstler notwendig sei, seine Projekte mit langem Atem zu verfolgen, und dass er allein und unvoreingenommen agieren und sich selbst den Druck auferlegen müsse. Das sei der Preis, den der Künstler zahlen müsse, um das Misstrauen gegenüber dem Markt und den  Risiken der eigenen Kunst zu überwinden. Und dazu gehöre auch die Verantwortung des Künstlers in einem zusammenwachsenden Europa.

Die letzte Debatte mit einer eher technischen Thematik wies schließlich auf die potentiellen Gefahren hin, die auf der kulturellen Identität Europas lasten. Die Debatte wurde von Hans-Herwig Geyer, Leiter der Abteilung Kommunikation bei der GEMA und Mitglied des Europäischen Musikrats, eingeleitet. Angesichts der sehr bewussten und häufig effizienten Strategie der angelsächsischen Mehrheit in allen kulturellen Bereichen (Entertainment), dazu noch konfrontiert mit einer starken Nachfrage nach amerikanischen Produktionen seitens der Öffentlichkeit, könne die europäische Antwort nur die einer koordinierten Aktion sein. Alle bisherigen Lösungen, darunter Quoten für die Ausstrahlung nationaler Musik sowie die staatliche Unterstützung cinematographischen Schaffens, bestätigten die Notwendigkeit einer kulturellen Vielfalt. Die deutschen Teilnehmer des Panels, u.a. die  Filmregisseurin, -produzentin und Drehbuchautorin Helma Sanders-Brahms und Steffen Schmidt-Hug vom Bundesverband Regie, setzen große Hoffnung in die Benennung eines Bundeskulturministers im neuen Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Steve Austen von der Felix-Meritis-Stiftung in Amsterdam fasste die Ergebnisse des Tages zusammen: Angesichts der von vielen Teilnehmern bekundeten Zweifel hinsichtlich der Beziehung zwischen Kultur, Kulturpolitik und dem politischen Konstrukt Europas sei die Zukunft von den lokalen Akteuren abhängig, insbesondere von der sehr aktiven jungen Generation in den neuen Beitrittsländern Ost- und Zentraleuropas. Diese Jugend, die neugierig mitmachen wolle und nach Kultur giere, unterscheide sich in einem gewissen Sinne von der Jugend Westeuropas, die häufig gelangweilt und kulturell übersättigt sei.

In seiner Zusammenfassung des Tages, die persönliche Aussagen und technische Analysen gegenüberstellte, argumentierte Bernard Faivre d’Arcier, dass Künstler und Politiker in ihrer gemeinsamen Verantwortung für Europa Rücken an Rücken ständen. Er glaubt, dass Europa der Kultur nicht genügend Rechnung trage, wenn man von den Bereichen Bildung, kulturelles Erbe und  Industriekultur einmal absehe. Angesichts der Notwendigkeit, der kulturellen Vielfalt besonders auf regionaler Ebene, einschließlich dem Schutz der Kultur der Migranten, besondere Beachtung zu schenken, sei es Sache des Staates, auch  die Künste, die sich nicht auf die Industriekultur stützen können, zu schützen. Und schließlich und vor allem: warum sei es nicht möglich, europäische Kulturfonds zu schaffen, die nicht von staatlichen Stellen, sondern von Agenturen verwaltet würden?

Kommentar:

Dieses Kolloquium gab Aufschluss darüber, wie dynamisch und fruchtbar eine Debatte zwischen deutschen, französischen und polnischen Künstlern und Kulturschaffenden sein kann. Hier hat das Weimarer Dreieck eine konkrete Dimension erfahren. Die Dokumentation aller verfügbaren Ergebnisse dieses Kolloquiums durch den Deutsch-Französischen Kulturrat wird dazu beitragen, diese grundlegenden Gedanken zur Zukunft Europas weiterzuverfolgen.

Marc Nouschi, Direktor des Instituts Français in Warschau

 

 

PROGRAMM

9.00 Uhr  Begrüßung          

Nele Hertling, Präsidentin des Deutsch-Französischen Kulturrates und Direktorin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD

Marc Nouschi, Direktor des Institut Français Warschau

9.15 Uhr  Grußwort

S.E. Dr. Reinhard Schweppe, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Polen

S.E. Pierre Ménat, Botschafter Frankreichs in Polen     

         

9.30 Uhr Einführung in das Konferenzthema

Catherine Lalumière, Relais Culture Europe, Paris

 

10.00 Uhr - 1. Debatte

„Können Kulturaustausch und Mobilität der Künstler den Integrationsprozess Europas stärken?“

Einführung:

Bernard Faivre d’Arcier

Diskussion:

Gerald Mertens, Deutsche Orchestervereinigung, Berlin

Dr. Peter Hiller, DAAD Warschau

Laurent Muhleisen, Maison Antoine Vitez, Montpellier

Prof. Jean Baptiste Joly, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart

Corina Suteu, ECUMEST, Nantes / Bukarest

Lidia Makowska, Baltisches Kulturzentrum, Danzig

Moderation:            

Stéphane Crouzat, Französische Botschaft, Warschau

 

11.30 Uhr             

„Lassen sich öffentliche und private Kulturförderung koordinieren – ergänzen?“

Diskussion:

Dr. Volker Hassemer, Sprecher der Initiatorengruppe der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik „Europa eine Seele geben“, Berlin

Cornelia Dümcke, Culture Concepts, Berlin

Dr. Albrecht Lempp, Stiftung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit, Warschau

Marc Nouschi, Institut Français Warschau

Grzegorz Boguta, Kulturstiftung Fundacja Kultury, Warschau

Ursula Kropiwiec, Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Warschau

Moderation:            

Gerald Mertens, Deutsche Orchestervereinigung, Berlin

 

14.30 Uhr

Statement „ Die Entwicklung Europas ist auf die Kraft der Kultur angewiesen “

Dr. Volker Hassemer, Sprecher der Initiatorengruppe der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik „Europa eine Seele geben“, Berlin

2. Debatte

„Gibt es eine Verantwortung des Künstlers im Prozess des Zusammenwachsens von Europa?“

Einführung:            

Corina Suteu, ECUMEST, Nantes / Bukarest

Diskussion:

Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer, Mitglied der Enquête-Kommission ‚Kultur in Deutschland’ des Deutschen Bundestages

Dr. Nike Wagner, Weimarer Kunstfest pèlerinages und Komitee zur Förderung der deutsch-französischen-polnischen Zusammenarbeit (Weimarer Dreieck)

Kai Bumann, Dirigent

Jacques Lassalle, Theaterregisseur, Paris

Maciej Domański, Adam Mickiewicz Institut, Warschau

Moderation:            

Steve Austen, Felix Meritis-Stiftung, Amsterdam, Mitglied der Initiatorengruppe der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik „Europa eine Seele geben“

 

16.15 Uhr - 3. Debatte

„Wie schutzbedürftig ist „geistiges Eigentum“?“

Einführung:

Dr. Hans-Herwig Geyer, GEMA und Europäischer Musikrat, München

Diskussion:

Helma Sanders-Brahms, Filmregisseurin, -produzentin und Drehbuchautorin, Berlin

Steffen Schmidt-Hug, Bundesverband Regie, München

Jean-Francois Rettig, Rencontres internationales Paris-Berlin

Jerzy Gorzynski, Forum, Warschau

Moderation:            

Angelika Lipp-Krüll, Südwestrundfunk Baden-Baden

 

17.45 Uhr

Zusammenfassung der Ergebnisse:

Steve Austen, Felix Meritis-Stiftung, Amsterdam, Mitglied der Initiatorengruppe der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik „Europa eine Seele geben“

Schlusswort:

Bernard Faivre d’Arcier

 

 

 

 

 

 
 


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